Vom Entscheid zum Entschluss

Auf den ersten Blick sind diese Worte Synonyme. Wir kennen diese Worte, wir setzen Sie sachgemäss synonym ein. Auch Altmeister Kluge nennt zuerst deren ureigene Bedeutung und danach führt er diese zwei Worte wieder zusammen (vgl. 2002, 24., durchgesehene und erweiterte Auflage). Unsere Sprache verändert sich, wir verändern uns. Und doch: nenne ich in meiner Praxis Fragen mit dem Wort entscheiden und dessen Abstrakta, so scheint der Klient immer eine Antwort zu haben. Nehme ich die gleichen Fragen und ersetze entscheiden mit entschliessen oder deren Abstrakta, zögern meine Gesprächspartner mit einer definitiven Antwort. Meistens werden diese Antworten mit Rechtfertigungen, Erläuterungen oder gar Bedingungen ausgeschmückt.

Die Etymologie wird als die Lehre der Wortherkunft und -geschichte verstanden. Der Wortstamm étymos aus dem Altgriechischen bedeutet soviel wie wahrhaftig, wirklich, echt (vgl. wikipedia vom 12.05.2008, 07.00 h). Jedem Wort steckt eine ureigene Bedeutung inne. Die Auslegung des Wortes hingegen ändert sich mit der Zeit, mit den Generationen, mit den Orten und  mit dem Umfeld, an denen es gebraucht wird. Irgendwie scheint jedoch das Ur-Wesen jeden Wortes in unseren Zellen zu überleben, denn unser Sprachgefühl versteht das Wort in seinem Ur-sprung. 

Kommen wir zur Auflösung – vgl. Kluge, 2002:

entscheiden Vst std. (14. Jh.), mhd. entscheiden. Zunächst von der richterlichen Entscheidung u.ä., also „die Aussagen, Ansichten usw. voneinander trennen, um zur richtigen Einsicht zu kommen“. Im Neuhochdeutschen abgeschwächt und verallgemeinert. 

entschliessen Vst std. (8. Jh.), mhd. entsliezen. ahd. intsliozan. Bedeutet ursprünglich „aufschliessen“, auch bei reflexivem Gebrauch. Seit frühneuhochdeutscher Zeit bildlich in heutigen Sinne „sich für eine Sache öffnen, entscheiden“, ursprünglich mit Genetiv, dann mit zu konstruiert.

(Vst = starkes Verb, std. = Standardwortschatz, mhd. = mittelhochdeutsch, ahd. = althochdeutsch)

Es liegen sechs Jahrhunderte zwischen beiden Worten und Welten in deren Ursprung. Im heutigen Gebrauch bedingen sie einander. Bevor ein Mensch sich entschliesst, sich also für etwas Neues öffnen kann, wird er die Ansichten auslegen, voneinander trennen und eine Einsicht erlangen müssen. 

Und das ist es, was die Gesprächspartner spüren. Dieselben Fragen mit scheinbar gleichbedeutenden Worten lösen im Gegenüber einen Drang aus, aus dieser Sache raus zu kommen. Daher mein Ratschlag:

Zuerst den Entscheid herbei zu führen und danach einen Entschluss fassen!

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