Wenn die Identität zur Variablen wird

Ich begebe mich in diesem Blog gleich auf ein Mienen besetztes, dünneisiges Feld. Schon seit langem schlummert in mir der Verdacht, dass das Kernstück der Persönlichkeit, die Identität, mehr ist als ein fixer Wert. Sie mutiert zur Variablen in der Gleichung, die Leben ergibt.

Wir haben Ansichten, die sich ändern. Wir haben Glaubenssätze, die sich, wenn auch weitaus weniger, durchaus ändern lassen. Wir haben Werte, die sich über die Jahre formen, ergänzen und somit ändern. Um unser Leben und die darin enthaltenen Hürden zu meistern, benötigen wir Intelligenzen, mit deren Hilfe wir allen Umständen gerecht werden und als Individuum andauern. 

Mein Dank für diese Einsicht gilt Denkern wie Ernst von Glasersfeld, der den Begriff der Viabilität verständlich näher bringt ..., dass Viabilität sich immer und ausschliesslich nur auf die Fähigkeit bezieht, innerhalb der Bedingungen und trotz der Hindernisse zu überleben, welche die Umwelt oder Wirklichkeit dem Organismus als Schranken in den Weg stellt. Andererseits aber bedingt der Begriff der Viabilität nie eine im vorhinein bestimmte Art und Weise, wie der Organismus dieses Überleben erreichen soll. (1992, S. 9)

Friedemann Schulz von Thun, der mit der Methode des inneren Teams die im System er- und gelebte Rollenvielfalt bewältigen will (1998, S. 21).

Verena Kast (1996, S. 55) plädiert für das Vertrauen in eine flexible Identität: Identität ist etwas, das ein Leben lang wird, sie steht nicht ein für allemal fest. Es ist dem Phänomen der Identität angemessener, zu wissen, dass es eine Lebensaufgabe ist, sie ständig neu zu suchen und sie nicht als ein für allemal feststehend zu begreifen. 

Nicht zu vergessen Jean Piaget mit seinem Modell der Adaption, das alles zulässt, was die Entwicklung und Formung der Identität zulässt. 

Sie alle lassen mich mit Gewissheit wissen, was ich schon lange zu wissen glaubte: Unsere – oder zumindest meine – Identität hat Lücken, ist formbar und flexibel. Nur so kann ich leben, überleben, wahrnehmen, bestehen, andauern und mich entwickeln. Dieses Wissen um meine flexible Identität lässt mich aufatmen, erleichtert mich. Denn nun kann ich getrost werden, was immer ich sein werde. Ich bin der Maler meiner Leinwand, der Autor meines Buches, der Schreiber meiner Rede. 

Lücken in der Identität lassen Entwicklung in der Lebendigkeit zu.

Was hält die Lebendigkeit deiner Identität für dich bereit?

Vor welcher Lücke hast du dich immer gesträubt?

Was kann diese Lücke deiner Identität hinzu fügen?

 

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