Wenn sich Wort, Zeit und Ort verbinden

Der Philosoph Han Byung-Chul bringt der Leserschaft auf konzentriertem Raum seine Gedanken zum Zeitgeist näher. Er legt eine gesellschaftliche Wahrheit dar und rückt diese teils provokant, teils wehmütig ins Bewusstsein der Leserschaft. Die Omnipräsenz der Medien, die ständige Forderung nach mehr Leistung und Effizienz hinterlässt seine Spuren. Rituale gehen verloren wie ein Echo in der Zeit. Han zeigt in wenigen Worten mit klarer Aussage auf, einerseits was der Gesellschaft entgeht, wenn deren Rituale verkümmern andererseits, wie Rituale in einer Gesellschaft in der Überritualisierung ihre wahre Bedeutung verlieren.

Han nimmt uns zum Ursprung der Bedeutung von Ritualen mit, führt vor Augen, was Rituale beim Menschen bewirken und erweckt den Wunsch der Gesellschaft nach möglichen, neuen Formen von Ritualen, um in der Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, wieder Halt und Resonanz in der Gemeinschaft zu finden.

Für Beratungspersonen ist der Aspekt «Rituale als Impulse» in der Prozessbegleitung interessant, da Klientensysteme das Beratungssetting als affirmativen Ort in der Zeit nutzen, für sich selber zu schweigen, zu kreieren, zu reflektieren und zu werden.

Rezension im Auftrag bso, November 2020

Han, Byung-Chul
Vom Verschwinden der Rituale
2019, 4. Auflage, 120 Seiten. Ullstein. Berlin
ISBN 978-3-550-05071-8